IT-Bauaufsicht

IT-Projekte in sichere Fahrwasser bringen


Aus dem Schiffbau lernen

Der Bau eines Schiffes wird stets durch fachlich qualifiziertes Personal im Auftrage des Reeder auf der Werft überwacht. Der Reeder will wissen, ob sein neues Schiff entsprechend seinen Wünschen und unter Beachtung aller Sicherheitsvorschriften von der Werft gebaut wird. Er verlässt sich nicht allein auf den guten Ruf der Werft, sondern beauftragt etwa den Germanischen Lloyd mit der Bauaufsicht, damit er bei der Ablieferung des neuen Schiffes wegen der komplizierten Technik und des komplexen Herstellungsverfahrens kein Desaster erlebt. Das neue Schiff muss sofort nach der Ablieferung auf grosse Fahrt gehen. Nachbesserungen müssen deshalb bereits während des Baus durch die Werft erfolgen. Sie können nicht in voller Fahrt durchgeführt werden.

Auch IT-Projekte zeichnen sich durch eine komplizierte Technik und ein nur für den Fachmann zu durchschauendes Herstellungsverfahren aus. Software wird infolge ihrer zunehmenden Funktionalität, Komplexität und Integrationstiefe für Nicht-Fachleute immer schwerer nachvollziehbar. Neben der Auswahl des Systemhauses ist daher auch stets eine Bauaufsicht bei der Entwicklung von Software notwendig, damit bei der Implementierung der neuen Software in den Geschäftsablauf eines Unternehmens keine Katastrophe entsteht.

Bauaufsicht

Die erfolgreiche Durchführung eines IT-Projektes erfordert deshalb ebenso wie beim Bau eines Schiffes stete Kontrolle durch den Auftraggeber. Zuvor müssen jedoch Lasten-, Pflichten und Feinpflichtenhefte unter Berücksichtigung des Geschäftsablaufes erstellt werden, die dem IT-Systemhaus den engen Rahmen für die Entwicklung der Software vorgeben, da das IT-Systemhaus die internen Geschäftsprozesse nicht kennt und dem Auftraggeber nicht mit einer Standardlösung gedient ist. Standardlösungen bedürfen einer Anpassung des Geschäftsablaufes an die Software, obwohl eine neue Software eigentlich die Geschäftsabläufe unterstützen und die vorhandenen Geschäftsabläufe schneller und effektiver gestalten soll. Es müssen daher ausgehend von der IT-Strategie und IT-Infrastruktur eines Unternehmens Anforderungen an das IT-Systemhaus definiert, in den Ausschreibungsunterlagen präzisiert und in den Verträgen dokumentiert werden. Hierzu muss das Unternehmen neben auf IT-Recht spezialisierten Rechtsanwälten vor allen Dingen auch einen öffentlich bestellten und vereidigten IT-Sachverständigen einschalten, der zunächst eine Kontrolle der Qualität der Anbieter vornimmt und überprüft, ob die IT-Systemhäuser die notwendige Qualifikation für die Softwareherstellung ausweisen, da im Gegensatz zum Schiffbau diese Qualitäten in der Regel nicht anhand des Testens von bestehender Software durch den Auftraggeber überprüft werden kann. Hierzu ist es vielmehr erforderlich, sich den Code der vorbestehenden Programme anzuschauen und zu überprüfen, ob die inzwischen in diversen DIN-Vorschriften enthaltenen Regeln der Programmiertechnik eingehalten sind. Sollte sich bei dieser Überprüfung vorbestehender Software etwa eine ungenügende Dokumentation der Software herausstellen, steht zu erwarten, dass auch bei dem neuen Softwareprojekt entsprechend verfahren wird und etwa im Falle der Unzufriedenheit mit der Durchführung des Softwareprojektes oder einer Insolvenz des Systemhauses keine Möglichkeit besteht, die Software von einem anderen Softwarehaus fertig stellen zu lassen. Ohne ausreichende Dokumentation handelt es sich um kostspieligen Datenmüll, aber nicht um eine Rumpfsoftware die mit Anbauten versehen werden kann. Natürlich muss auch bei dem neuen Softwareprojekt streng auf die Einhaltung der Dokumentation geachtet werden und durch die Kontrolle der fortschreitenden Programmierung durch IT-Sachverständige die Qualität sichergestellt werden. Nur hierdurch wird das Risiko des Scheiterns des IT-Projektes minimiert.

Baubegleitung durch ständige Abnahme

Es müssen Abnahmeprozeduren unter Berücksichtigung der Vorgaben an das IT-Systemhaus entwickelt werden, um eine Erfüllung der Anforderungen an die neue Software im Rahmen der Softwareentwicklung zu überprüfen. Anhand dieser Abnahmeprozeduren muss aber nicht erst bei Ablieferung der Software, sondern bereits im Rahmen der fortschreitenden Softwareentwicklung ständig die Einhaltung der Vorgaben getestet werden, um eventuelle Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und die Softwareentwicklung wieder auf Kurs zu bringen. Nur durch diese Überprüfung kann erreicht werden, dass die Software auch innerhalb des beabsichtigten Zeitrahmens fertiggestellt wird.

Change Request

Bis zur Ablieferung einer neuen Software ergeben sich häufig geänderte Wünsche an den Umfang der benötigten Teilanwendungen. änderungen von Teilanwendungen können jedoch immense Auswirkungen auf die Gesamtsoftware haben. Es ist daher stets zu überprüfen, ob diese änderungen in die laufende Softwareentwicklung integriert oder im Rahmen einer späteren Anpassung in der Software abgebildet werden sollen. Gewünschte und erforderliche änderungen während der Programmierphase müssen daher auf Wirtschaftlichkeit sowie die softwarebaulichen Auswirkungen auf das Gesamtkonzept beurteilt werden. Ohne eine solche Überprüfung laufen IT-Projekte schnell Gefahr, den Zeit- und Kostenrahmen zu sprengen.

Kollision

Die IT-Bauaufsicht vermindert die Gefahr, mit einem Softwareprojekt den Kosten- und Zeitrahmen zu sprengen. Die IT-Bauaufsicht sollte daher auch bei IT-Projekten, die zu scheitern drohen, unverzüglich eingeschaltet werden. Sie kann technisches Konfliktmanagement betreiben oder aber auch durch eine Fehleranalyse eine rechtliche Auseinandersetzung mit dem IT-Dienstleister in die richtigen Bahnen lenken.